Der Betrug, den sie bei jedem Gefängnisbesuch bezahlte
Der Erfolg war eine Droge mit schneller Wirkung und brutalem Kater. Mit dem Kapital, das der Hoshino-Fonds über den makellosen Adrián Villalba leitete, hob das Immobilienprojekt von Diego Salazar ab wie eine Rakete. Acht Monate lang stiegen die Zahlen grün und euphorisch, die Investoren kamen wie Fliegen zum Honig, und der Name der Salazar-Gruppe hallte in Finanzkreisen mit einer Aura der Unbesiegbarkeit wider.
Diego, aufgebläht von Ehrgeiz und blind vor Schmeichelei, begann immer höher zu pokern. Villalba, aus seiner Position als Schattenberater heraus, beobachtete das mit einem kalten Lächeln. Er gab keine Warnungen. Er öffnete nur Türen und erleichterte «Gelegenheiten», die das Seil ein wenig mehr spannten.
Der Zusammenbruch kam so plötzlich wie ein Sturz durch einen Treppenhausschacht. Eine gescheiterte Wette, eine versteckte Schuld, die ans Licht kam, ein vernichtender Bericht einer Ratingagentur. Binnen Tagen verdunstete das Vertrauen. Die Aktien der Salazar-Gruppe waren weniger als ein Prozent ihres Höchststands wert. Die Schlagzeilen waren unerbittlich: «Der Ehrgeiz, der Salazar verschlang».
Diego trug die ganze Schuld. Der Kopf, das öffentliche Gesicht, der perfekte Sündenbock. Sie verhafteten ihn in seinem eigenen Büro, vor seinen fassungslosen Mitarbeitern. Das Familienhaus wurde durchsucht, und Beamte glitten mit den Händen über die Möbel, die Mariana mit so viel Sorgfalt ausgesucht hatte.
Sie blieb dank einer geschickten Gütertrennung, die derselbe Villalba ihr Monate zuvor nahegelegt hatte, außerhalb der Reichweite des Gesetzes. Sie war an nichts schuld. Aber sie war die Frau des Mannes, den Tausende ruinierter Kleinanleger am meisten hassten. Die öffentliche Hetze, die Journalisten vor ihrer Tür, die Blicke auf der Straße, alles war unerträglich. Mit dem Wenigen, das sie retten konnte, und einem geliehenen Auto floh sie.
Sie suchte Zuflucht in dem Einzigen, was sich noch nicht wie Teil des Albtraums anfühlte: einer kleinen, rustikalen Holzhütte ihrer längst verstorbenen Eltern, versteckt in einer Bergmulde eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Dort war die Stille vollkommen, nur unterbrochen vom Wind in den Kiefern und dem Knarren des alten Holzes. Zwei Tage verbrachte sie wie betäubt und starrte ins Feuer des Kamins, ohne es wirklich zu sehen.
Am dritten Tag, bei Sonnenuntergang, vibrierte das Wegwerftelefon, das sie am Boden einer Tasche verloren geglaubt hatte, auf dem Kieferntisch. Ein Phantomschlag. Mit Händen, die nur langsam gehorchten, nahm sie es auf. Auf dem Display stand eine verschlüsselte Nummer und eine Nachricht mit dem Kürzel AV.
Die Strenge des Gesetzes gilt auch für eheliche Besuche. Morgen, um 14 Uhr. Schwarzes Kleid, moderater Ausschnitt, knielanger Rock. Feine Strümpfe, niedrige Absätze. Kein Schmuck, keine Tasche. Sie fragt nach Feldwebel Carmona und befolgt, was sie anweist. Jede Abweichung, und die Fotos aus der Suite des Hotels Aragón gehen als «Beweis für den moralischen Charakter des Angeklagten» an die Staatsanwaltschaft und die Presse. Ihre Kooperation ist die einzige Währung, mit der Sie Schweigen kaufen können … und vielleicht etwas Gnade für Diego.
Mariana legte das Telefon auf den Tisch. Es gab keine Wut und kein Weinen, nur eine noch tiefere Leere. Die Niederlage von Diego war nicht das Ende. Es war eine neue Bühne, noch grausamer. Und sie, wie immer, das Werkzeug.
***
Sie befolgte die Anweisungen bis ins kleinste Detail. Schwarzes Wollkleid mit einem V-Ausschnitt, der kaum das Schlüsselbein freigab. Undurchsichtige Strümpfe, fast schon wie von einer Gouvernante. Das Haar zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Im Spiegel der Hütte sah sie sich wie die Witwe eines Kriminellen, eine Gestalt aus Trauer und Buße.
Das Gefängnis von Monteverde war eine graue Betonfestung, umgeben von Stacheldraht. Im Wachhäuschen musterte ein gelangweilter Wärter sie misstrauisch.
—Name? —fragte er.
—Mariana Salazar. Ich komme, um meinen Mann zu sehen. —Sie schluckte—. Ich soll nach Feldwebel Carmona fragen.
Die Veränderung bei dem Wärter war augenblicklich. Die Langeweile verschwand und wurde durch gespannte Neugier ersetzt. Er hob ein Telefon ab und murmelte ein paar Worte. Minuten später erschien eine bullige Frau mit hartem Gesicht und kleinen Augen, die sie unverhohlen von oben bis unten musterten und einen Sekundenbruchteil zu lange auf ihren Brüsten und der Hüftlinie unter dem schwarzen Wollstoff verharrten.
—Frau Salazar. Folgen Sie mir.
Es gab keine Begrüßung. Sie führte Mariana durch einen schlecht beleuchteten Gang, nicht in Richtung der allgemeinen Besuchsräume, sondern zu einer unbeschrifteten Tür, die sie mit einem Schlüssel öffnete. Es war ein kleiner, weißer, kalter Raum, eher wie eine Sprechstunde als irgendetwas anderes. In der Mitte eine Liege mit Einwegpapier. Eine OP-Lampe hing von der Decke.
—Das Verfahren für Hochsicherheitsbesuche ist streng —sagte Carmona mit flacher, bürokratischer Stimme—. Wir müssen sicherstellen, dass Sie keine verbotenen Gegenstände einschmuggeln. Sie entkleiden sich vollständig. Die Kleidung auf dieses Tablett.
Mariana spürte, wie die Panik ihr die Kehle hochkroch.
—Nackt? Aber ich wollte nur …
—Das sind die Regeln. Entweder Sie gehorchen, oder der Besuch wird abgesagt. Und Ihr Mann bleibt ohne Sie zurück … und ohne die kleine Verbesserung, die Ihre Kooperation ihm verschaffen könnte.
Die Botschaft war eindeutig: Villalba hatte bereits mit ihr gesprochen. Mit ungelenken Bewegungen begann Mariana, sich auszuziehen. Die Schuhe, der Mantel. Der Reißverschluss des Kleides klang schrill in der Stille. Das Kleid fiel ihr vor die Füße. Dann die Strümpfe, die mit einem leisen Zischen über ihre Schenkel glitten und ihr eine Gänsehaut verursachten. Zuletzt die schwarzen Spitzenhöschen, die sie mit zitternden Fingern über ihre Beine hinunterzog. Sie stand mitten im kalten Raum, unter dem weißen, gnadenlosen Licht, und ihre Haut stellte sich überall auf. Die Nippel richteten sich hart gegen die eisige Luft, zwei rosafarbene, gespannte Spitzen, die sie nirgends verbergen konnte, und das sorgfältig gestutzte Schamhaar glänzte dunkel zwischen ihren Schenkeln.
Carmona machte sich nicht die Mühe, den Blick zu verbergen. Ihre kleinen Augen glitten vom Hals zu den aufgerichteten Brüsten, verharrten im Schamdreieck, stiegen wieder auf. Ein kaum angedeutetes, zufriedenes Lächeln krümmte ihre Lippen.
—Auf die Liege. Gynäkologische Position.
Die Worte trafen sie wie ein Schlag in den Magen. Mit brennendem Gesicht stieg Mariana auf das kalte Papier und stellte die Füße in die Metallbügel, die Beine weit gespreizt. Die Demütigung war so scharf, dass ihr für einen Moment schwarz vor Augen wurde. Sie wusste genau, was Carmona von dort aus sah: ihre geöffnete, entblößte Muschi unter der OP-Lampe, jede Falte ausgeleuchtet wie auf einem Seziertisch.
Carmona streifte sich mit einem Schnappen, das wie ein Schuss klang, Latexhandschuhe über. Ihre kräftigen, anonymen Hände begannen mit der Untersuchung. Das Haar, hinter die Ohren, in den Mund, bis Mariana die Zunge herausstrecken musste. Danach tastete sie ihre Brüste mit beiden Händen ab, wog sie, hob sie nacheinander an, drückte die Nippel zwischen Zeigefinger und Daumen, angeblich um «zu überprüfen», dass nichts verborgen war. Mariana hielt den Atem an und starrte an die Decke, versuchte aus ihrem eigenen Körper zu verschwinden. Und doch verrieten sie die Kälte des Latex und ihre Nerven: Die Nippel wurden unter den behandschuhten Fingern noch härter, zeigten zur Lampe, als würde ihr Fleisch auf einen Befehl reagieren, den sie nicht gegeben hatte. Carmona kneifte noch einmal zu, langsam und mit Vorsatz, bevor sie weiter nach unten ging.
Die Wärterin arbeitete sich zum Schoß vor. Sie spreizte die äußeren Lippen mit zwei Fingern auseinander, gründlich, aufdringlich, und führte mit der anderen Hand den behandschuhten Zeigefinger in Marianas Muschi ein, wühlte mit langsamen Drehungen nach innen, suchte Wände und Winkel ab. Mariana biss in das Einwegpapier, um nicht zu schreien — vor Schmerz und vor einer Scham, die ihr die Eingeweide verbrannte. Sie spürte, wie der Finger bis zum Knöchel hineingedrückt wurde, herauskam, nass von ihrer unfreiwilligen Feuchtigkeit, und wieder eindrang. Carmonas freie Hand spreizte ihre Schenkel weiter, drückte das Knie nach außen, um besseren Zugang zu haben, und ein zweiter Finger kam zum ersten hinzu. Marianas Muschi krampfte sich um diese fremden Finger zusammen, ein Spasmus, der sie noch mehr beschämte als alles andere.
—Entspannen —murmelte Carmona mit einer klinischen Ruhe, die schlimmer war als eine Beleidigung—. Es wird nur schlimmer, wenn Sie sich verkrampfen.
Die Finger wühlten weiter, was Mariana wie eine Ewigkeit vorkam, krümmten sich gegen den harten, schwammigen Punkt hinter dem Schambein und drückten ihn mit einer Beharrlichkeit, die nichts Medizinisches hatte. Ein dunkler, unfreiwilliger Puls begann zwischen ihren Beinen zu schlagen. Sie schloss fest die Augen, angewidert von ihrem eigenen Körper, und eine heiße Träne lief ihr über die Schläfe ins Haar.
Die Untersuchung ging von hinten weiter, ebenso brutal und unnötig. Carmona ließ sie sich umdrehen, auf die Liege knien, den Kopf gesenkt, den Hintern hoch. Mit beiden Händen spreizte sie Marianas Pobacken auseinander, legte den Arschlochring unter das gnadenlose Licht und schob auch dort einen behandschuhten Finger hinein, bestrichen mit einem kalten Gel, das Mariana nicht einmal hatte herausnehmen sehen. Das Brennen kam sofort. Sie spürte, wie sich der Finger seinen Weg nach innen bahnte, sich drehte, sich zurückzog, tiefer wieder eindrang. Sie vergrub das Gesicht im zerknüllten Papier, um ein Stöhnen zu ersticken, das reine Demütigung war, für jedes böswillige Ohr jedoch exakt nach etwas anderem klang.
Als es schien, als sei sie fertig, öffnete Carmona die Tür, ohne Mariana sich wieder anziehen zu lassen.
—Sie können eintreten.
Zwei junge Wärter kamen herein, mit schlecht verborgenem Voyeurismus im Gesicht. Sie stellten sich neben die Feldwebel, sahen Mariana an, die noch immer nackt auf der Liege kniete, den Hintern erhoben und die Schenkel gespreizt. Sie versuchte, die Beine zu schließen, sich mit einer Hand zu bedecken, doch Carmona schnalzte mit der Zunge.
—Stillhalten. Wir sind noch nicht fertig.
—Inspektion abgeschlossen, negativ —sagte Carmona, als würde sie einen Bericht abgeben—. Nur abschließende Sichtkontrolle, Protokoll.
Es war eine dreiste Lüge. Ein solches Protokoll gab es nicht. Die Männer ließen den Blick über ihren Körper gleiten, blieben an der geröteten und noch glänzenden Muschi hängen, am gespannten Arschloch, an den schweren Brüsten, die unter ihrem gewölbten Oberkörper hingen. Sie tauschten verschwörerische Gesten. Einer räusperte sich, und Mariana hörte mit entsetzlicher Deutlichkeit das unverkennbare Geräusch eines kaum verhüllten Herunterziehens des Reißverschlusses unter dem Rascheln des Liegenpapiers. Der andere lächelte leicht, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Die Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit obszöner Zurschaustellung. Mariana schloss die Augen fest, doch sie spürte diese Blicke wie schmutzige Hände auf ihrer Haut, die ihre Brüste abtasteten, den offenen Hintern, die geschwollene Muschi.
—Zeigen Sie es ihnen gut —sagte Carmona mit samtiger Stimme und legte ihr eine kräftige Hand auf den unteren Rücken, drückte sie durch, damit sie den Hintern noch mehr wölbte—. Das ist Routine. Je schneller wir fertig sind, desto schneller sehen Sie Ihren Mann.
Das Wort «fertig» hallte ihr als absichtlich obszöne Beleidigung in den Ohren. Sie spürte einen Finger, diesmal ohne Handschuh, der an ihrer Arschlinie entlangglitt, eine flüchtige Berührung, die ein Unfall gewesen sein konnte oder auch nicht. Ein Schauer lief ihr durch den ganzen Körper. Einer der Wärter stieß ein leises Lachen aus, eher ein Grunzen als ein Lachen, und Mariana wusste, dass er sich über der Hose berührte. Sie konnte es beinahe riechen, in der geschlossenen Luft des Raumes: die säuerliche Erregung dreier Fremder vor ihrer Nacktheit.
—Gut. Sie können sich anziehen —sagte Carmona schließlich, verächtlich, und zog die Hand zurück—. Sie haben zwanzig Minuten.
Mariana stieg mit zitternden Beinen von der Liege, die Schenkel klebrig von Gel und ihrer eigenen verräterischen Feuchtigkeit. Sie zog sich unter drei Paar Augen an, die sich nicht einmal aus Höflichkeit abwandten, und jede einzelne ihrer Blicke fühlte sich an wie ein weiterer Finger, der sich dort hineinbohrte, wo er nichts verloren hatte.
***
Sie brachten sie in einen Raum, der durch dickes, zerkratztes Glas geteilt war, mit Telefonen auf beiden Seiten. Auf der anderen Seite erschien Diego, begleitet. Mariana erkannte ihn kaum wieder. Er war alarmierend abgemagert; der Anzug hing ihm von den Schultern. Tiefe Augenringe, ungepflegter Bart. Doch am vernichtendsten waren seine Augen: Früher voller Ehrgeiz, spiegelten sie nun nur noch tierische Angst und absolute Niederlage wider.
Als er sie sah, ließ er sich auf den Stuhl fallen und griff mit zitternden Händen zum Telefon.
—Mariana … geht es dir gut?
Sie nickte, unfähig zu sprechen, die Kehle zugeschnürt von einem Knoten widersprüchlicher Gefühle. Unter dem Rock spürte sie noch immer das Brennen des erzwungenen Arschlochs und die klebrige Nässe zwischen den Schenkeln, und es kam ihr obszön vor, ihm mit so etwas auf dem Leib ins Gesicht zu sehen.
—Es tut mir leid … ich habe alles ruiniert … —Diego begann zu schluchzen, zusammengekauert—. Ich verrecke hier. Die sind Tiere. Sie haben mich …
Mariana sah ihn weinen, diesen gebrochenen Mann, der ihr Komplize und Henker gewesen war, nun auf einen verängstigten Verurteilten reduziert. Und sie begriff, dass Villalba sein Meisterwerk vollbracht hatte: Er hatte nicht nur das Vermögen und die Ehe zerstört, sondern auch Diegos Geist. Währenddessen trug sie auf ihrer Haut das frische Mal einer weiteren Demütigung, die von demselben Architekten des Ruins entworfen worden war. Die zwanzig Minuten vergingen fast schweigend, nur von Schluchzern unterbrochen, bis ein Wärter ihr auf die Schulter tippte.
***
Das Erwachen am nächsten Tag kam langsam. Zuerst der aggressive Gesang der Vögel, dann die schrägen Sonnenstrahlen, die durch die Glasfront fielen. Das Tal breitete sich grün und dunstig unter einem ausgewaschenen Himmel aus. Die Schönheit war so gleichgültig, dass sie ihr einen stechenden Schmerz in der Brust verursachte.
Sie erhitzte Wasser in der alten emaillierten Kanne ihrer Großmutter und duschte lange, rieb die Haut mit Kieferseife ab, als könnte sie die Erinnerung an die Handschuhe, an die fremden Finger, die in ihrer Muschi und in ihrem Arschloch wühlten, an die Blicke und das schwere Atmen der Wärter fortschrubben. Sie suchte nicht nach Reinheit. Sie suchte einen Exorzismus. Immer und immer wieder führte sie den Schwamm zwischen ihren Beinen entlang, rieb über die Lippen ihrer Muschi, über das noch empfindliche Arschloch, als könne die Haut durch Schrubben vergessen. Sie blieb unter dem Strahl, bis das Wasser lauwarm wurde und ihre Finger schrumpelig.
Erst dann sah sie auf das Telefon. Eine lange Nachricht von AV, sorgfältig wie ein offizieller Bericht.
Der Besuch wurde als ordnungsgemäß durchgeführt vermerkt. Die Kooperation wurde notiert. Diego wurde in einen Bereich mittlerer Sicherheit verlegt; sein neuer Status als «nützlicher Lieferant» verschafft ihm bestimmte Vergünstigungen. Nächstes Treffen in drei Wochen, offenes Regime. Kleidung: dunkle Jeans, helle Baumwollbluse, dezenter Ausschnitt, flache Turnschuhe. Kein Schmuck, keine Tasche. Und, Mariana, diesmal ohne BH und ohne Höschen. Das ist eine nicht verhandelbare Sicherheitsanweisung. Sie wird eine Packung Zigaretten mitbringen. In gedämpftem Ton übermittelt sie ihm Folgendes: Das Paket liegt an der Tankstelle an der Route 9, Schließfach 8, Code 1994. Für Notfälle. Er wird wissen, was das bedeutet. Keine Fragen. Die Kamera in der nordöstlichen Ecke wird während des Besuchs deaktiviert sein. Ein Geschenk für Ihre Folgsamkeit.
«Seit wann raucht Diego?», dachte sie, naiv. Ihr Finger tippte die Frage bereits, als das Telefon vibrierte. Es war AV. Sie antwortete, ohne etwas zu sagen.
—Guten Morgen, Mariana. Lassen wir Ihre Frage ausräumen: Diego raucht nicht. Aber in so einem Umfeld sind Zigaretten Währung, Gefallen, Schutz. Was Sie mitbringen, ist nicht für ihn, es wird von ihm sein. Ein Startkapital. Verstehen Sie die Dynamik.
Sie schloss die Augen. Natürlich. Es ging nicht um Tabak. Es ging um Macht, um die Gefängnishierarchie, die Villalba von außen manipulierte. Diego, der Ex-Magnat, wurde zum Schmuggelkurier, um sich die Gunst der Insassen zu verdienen.
—Die Sache mit der Unterwäsche ist rein logistisch —fuhr die Stimme ruhig und höflich fort—. Das offene Regime erlaubt weniger körperliche Barrieren. Das Fehlen bestimmter Kleidungsstücke beschleunigt die Kontrollen. Bereiten Sie sich darauf vor, ein nützlicher Kanal zu sein. Auf Wiederhören, Mariana.
Die Leitung brach ab. Sie wusste, dass es nicht logistisch war. Es war eine weitere Form der Entblößung, eine Erinnerung daran, wer selbst die intimste Schicht ihrer Erscheinung vor der Welt kontrollierte. Die Vorstellung, ohne Höschen unter der Jeans ins Gefängnis zu gehen, drehte ihr den Magen um, und doch antwortete irgendwo in einem dunklen Winkel ihres müden Körpers ein dumpfer Schlag.
***
Der Tag des zweiten Besuchs begann bewölkt. Sie zog die dunkle Jeans direkt auf nackter Haut an, ohne Höschen, und der raue Stoff schmiegte sich an Pobacken und Scham mit einer Intimität, die ihre Wangen brennen ließ. Die weiße Bluse mit offenem oberstem Knopf. Ohne BH passte sich der dünne Stoff ihren Kurven so an, dass sie sich sogar angezogen nackt fühlte: Die Nippel zeichneten sich jedes Mal als helle Spitzen unter dem Baumwollstoff ab, wenn sie den Arm bewegte oder die Luft kühler wurde. Im Spiegel sah sie eine magerere Frau, mit Schatten unter den Augen, aber mit einem kalten, zerbrochenen Entschluss im Blick. Sie war nicht länger die Witwe in Trauer. Sie war etwas anderes: eine Botin, ein Instrument, fein abgestimmt auf eine konkrete Funktion.
Die Kontrolle an der Versorgungstür war oberflächlich: ein Metalldetektor, ein Scanner, dessen Bediener den Blick einen Moment zu lange auf ihrem Oberkörper ruhen ließ, auf den zwei harten Spitzen, die unter der Bluse hervortraten. Eine schnelle Taschenkontrolle, bei der die Hände des Wärters viel zu langsam an Hüfte und Innenseite der Schenkel entlangstrichen und über der Jeans die Linie des nackten Schambereiches unter dem Stoff abtasteten. Nichts im Vergleich zu Carmona. Aber gerade diese Leichtigkeit war obszön, die Demütigung als Routine, bürokratisiert. Als sie den Detektorbogen passierte, spürte sie, wie der raue Jeansstoff bei jedem Schritt direkt an ihrer nackten Muschi rieb, und die warme Feuchtigkeit, die dort unten ohne Erlaubnis zu entstehen begann.
Der Raum für das offene Regime war groß, laut, nach billigem Desinfektionsmittel riechend. Formicaschreibtische, Wärter in den Ecken. Man führte sie zu einem abgelegenen Tisch neben einer Säule. Von dort aus sah Mariana die Kamera in der nordöstlichen Ecke: ihre Linse war dunkel, inaktiv. Villalbas Geschenk.
Diego wurde mit Fußfesseln hereingeführt, die ihm nur kleine, schlürfende Schritte erlaubten. Aber diesmal gab es kein Glas. Er hatte etwas zugenommen, weiches und kränkliches Gewicht. Eine neue Narbe zog sich über seine Augenbraue. In seinen Augen lag nicht mehr der absolute Terror des ersten Mal, sondern eine resignierte Vorsicht und ein Funken Anspannung, als er sie sah.
Er ließ sich schwerfällig auf den Stuhl ihr gegenüber sinken. Sein Blick glitt über die Bluse, und Mariana wusste, dass ihm die fehlende BH-Spange auffiel: Seine Augen blieben einen viel zu langen Moment an den beiden harten Spitzen hängen, die den Stoff spannten. Ein Schmerzkrampf glitt über sein Gesicht. Auch weiter unten ein flüchtiger Abstieg zu ihren Hüften, als würde er das andere erraten.
—Mariana —murmelte er, die Stimme rau vom Nichtgebrauch.
—Hallo, Diego. —Sie streckte die Hand über den Tisch und berührte seine, gefesselt und kalt—. Ich habe mitgebracht, was du wolltest. —Sie schob die Zigarettenpackung hinüber.
Er zog sie mit den zusammengeführten Händen zu sich, wie ein Tier, das Beute sichert.
—Danke. Hier sind sie nützlich.
Mariana lehnte sich vor und senkte die Stimme zu einem Flüstern, das im Gemurmel des Raums unterging. Der Ausschnitt öffnete sich bei der Bewegung ein wenig; eine ihrer Brüste war fast bis zur Brustwarze sichtbar, und sie bemerkte, wie der Blick eines Insassen vom Nebentisch zu ihr herüberglitt und dort hungrig hängen blieb, während der Mann die Hand unter dem Tisch bewegte. Alles war Teil des Schauspiels.
—Hör zu —flüsterte sie—. Das Paket liegt an der Tankstelle an der Route 9, Schließfach 8, Code 1994. Für Notfälle.
Die Augen von Diego weiteten sich. Ein Aufflackern von Hoffnung, oder von Angst, oder von beidem.
—Bist du sicher? —murmelte er.
—Das ist die Information, die man mir gegeben hat. —Mehr konnte sie nicht sagen.
Er nickte mehrmals und schluckte trocken.
—Neunzehnhundertvierundneunzig. Unser Jubiläum. —Und zum ersten Mal rollte eine einsame Träne über seine Wange, nicht aus Verzweiflung, sondern aus schmerzlicher Nostalgie—. Mein Gott, Mariana … es tut mir leid …
—Nicht jetzt —unterbrach sie ihn sanft, was sie selbst überraschte—. Nicht hier. —Ihr Blick wanderte unwillkürlich zur ausgeschalteten Kamera, dem vergifteten Geschenk, das ihnen dieses Minimum an Verschwörung erlaubte—. Wie geht es dir?
Ein kurzes, bitteres Lachen entwich ihm.
—Ich lebe. Hier drin zählt das als «gut». —Sein Blick wurde intensiv, suchte ihren—. Und du? Was haben sie dir angetan, damit du so kommen darfst, mir diese Nachricht zu bringen?
Mariana schüttelte kaum merklich den Kopf. Unter dem Tisch verschränkte und entwirrte sie die Schenkel und spürte die klebrige Feuchtigkeit dazwischen, die Naht der Jeans, die sich in ihre Klitoris grub. Sie fragte sich, ob Diego, der sie mit dieser schuldbewussten Intensität ansah, roch, was sie roch: ihre eigene nackte Muschi unter dem Stoff, aufgewühlt von Stunden voller Nervosität und jüngstem Begrapschen.
—Es spielt keine Rolle. Halte dich einfach an die Regeln, Diego. Überlebe.
Das Gespräch glitt in erzwungene Belanglosigkeiten ab, in hohle Worte über das Wetter und die Hütte. Aber unter der Oberfläche, im gelegentlichen Streifen ihrer Hände und in den Blicken, die einen Sekundenbruchteil zu lang anhielten, lag ein neues Einvernehmen. Beide waren Figuren, bewegt von derselben Hand. Diego wusste es, und das Mitgefühl in seinen Augen mischte sich mit schrecklicher Schuld und neuer Angst um sie. Seine Augen glitten jedoch immer wieder zu ihrem Ausschnitt hinunter, als könnten sie nicht anders, und Mariana spürte im Magen die obszöne Last des Wissens, dass auch ihr eigener Mann, gedemütigt und dankbar, sie in diesem Moment begehrte wie einer von denen, die sie anstarrten.
Ein Wärter schlug mit dem Schlagstock auf den Tisch.
—Zeit.
Diego erhob sich mühsam. Seine Hände suchten ihre, in einem verzweifelten Druck.
—Pass auf dich auf. Und Mariana … vertrau niemandem.
Sie nickte und zog die Hand zurück. Sie sah ihn davongehen, die Fußfesseln hinter sich herschleifend, die Packung bereits in einer Falte der Uniform versteckt. Der Insasse vom Nebentisch warf ihr einen letzten lüsternen Blick zu und fuhr sich unverhohlen mit der Zunge über die Lippen, ohne die Hand unter dem Tisch stillzuhalten.
***
Beim Hinausgehen schlug ihr die kalte Bergluft ins Gesicht. Sie spürte keine Erleichterung, nur eine noch tiefere, komplexere Leere. Sie hatte funktioniert. Sie war nützlich gewesen. Sie hatte die Nachricht und das «Kapital» überbracht und anderen Blicken erlaubt, sich an ihrem Körper zu weiden, der nach Villalbas Spezifikationen vorbereitet worden war: ohne Höschen, ohne BH, Fleisch nur von zwei Lagen Stoff bedeckt, die versprechen und nicht verbergen sollten.
Bevor sie den Motor startete, sah sie in den Rückspiegel. Die Frau, die ihr Blick entgegensaht, war nicht mehr die, die einst in Schande aus der Stadt geflohen war. Sie war härter, kälter, gefährlich anpassungsfähig geworden. Villalba spann sein Netz um beide, verwandelte jede Überlebensgeste in einen Akt der Komplizenschaft, jeden Besuch in einen weiteren Schritt tiefer in den Morast.
Die Strenge des Gesetzes war ein Gefängnis aus Beton und Verfahren. Das von Adrián Villalba war ein Gefängnis ohne Mauern, in dem die Freiheit selbst die ausgeklügeltste Zelle war. Und Mariana wusste, während sie zurück zur Hütte fuhr, dass die nächste Anweisung bald kommen würde. Und dass sie, ob sie die Gründe nun verstand oder nicht, wieder gehorchen würde. Für Diego. Für ein gekauftes Schweigen. Für die zerbrochenen Teile eines Lebens, das ihr nicht mehr gehörte.
