Meine Klientin Dafne verbarg etwas, das mich entwaffnete
Sie stellte sich als Dafne vor. Ihre Stimme war sanft, aber fest, und ihr Lächeln wirkte einstudiert und war deshalb nicht weniger betörend. Ihr Körper gehörte zu jenen, die den Blick ohne Erlaubnis über sich gleiten lassen: groß, schlank, lange Beine unter einer eng anliegenden Stoffhose, eine weiße Bluse, am Dekolleté leicht geöffnet, ein zweireihiges Jackett, das zwischen elegant und provokant spielte. Feine Absätze, perfekte Nägel, dunkles Haar zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden. Und große, mandelförmige Augen mit einem Glanz, der schien, als wisse er alles.
Als sie das Büro betrat, stand Rechtsanwalt Bermúdez hastig auf. Er brauchte einen Sekundenbruchteil zu lang, um zu reagieren, als würde etwas nicht stimmen, ohne dass er es einordnen konnte. Sie kam mit sicherem Schritt näher, streckte ihm die Hand hin, und er ergriff sie und spürte einen warmen Druck, viel zu sinnlich, um unschuldig zu sein.
—Danke, dass Sie mich so schnell empfangen, Herr Bermúdez —sagte sie und setzte sich, ohne auf eine Einladung zu warten.
Er nickte, verlegen über die plötzliche Hitze im Nacken.
—Das ist natürlich meine Arbeit —räusperte er sich—. Wie kann ich Ihnen helfen?
Sie schlug die Beine übereinander, und der Schlitz ihrer Hose ließ die markante Linie von Strümpfen erkennen, die an Strapsen befestigt waren. Er schluckte. Das konnte unmöglich Zufall sein.
—Ich habe ein rechtliches Problem, das ich Ihnen lieber unter vier Augen erkläre —sagte sie, und beim Aussprechen des Wortes sah sie ihn mit einer Intensität an, die ihn zwang, für einen Moment den Blick zu senken.
An ihr war etwas, das ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Sie war feminin, schön, elegant, aber auch kraftvoll. Etwas an ihrer Gestik, an der Art, wie sie den Raum einnahm, passte nicht zur Sanftheit ihrer Stimme. Als wüsste sie ganz genau, welche Wirkung sie hatte.
Und während sie sprach, hörte er schon nicht mehr richtig zu. Seine Aufmerksamkeit war zu ihrem Hals gewandert, zu dem so markanten Kiefer, zu den schmalen, gepflegten, aber großen Händen. Viel zu großen Händen. In seiner Hose pochte es unangenehm.
—Ich fasse es kurz zusammen. Ich wohne seit fast drei Jahren zur Miete. Die Vereinbarung mit der Vermieterin enthielt ein bevorzugtes Kaufrecht. Vor ein paar Tagen habe ich herausgefunden, dass sie die Wohnung an jemand anderen verkauft hat, ohne mich zu informieren, ohne mir die Möglichkeit zu geben, mein Recht auszuüben.
Er runzelte die Stirn und nahm ein Notizbuch zur Hand.
—Haben Sie eine Kopie des Vertrags mit dieser Klausel?
—Ja, in dieser Mappe. Auch die Nachrichten, in denen sie schriftlich bestätigt, dass sie dieses Recht aufrechterhalten würde.
—Da lässt sich etwas machen. Wenn der Vertrag das festhält und es entsprechende Nachrichten gibt, kann man dagegen vorgehen.
Sie beobachtete ihn beim Lesen. Nicht nervös, nicht misstrauisch, sondern mit jener eleganten Ruhe, die Männer nervös macht, die Sicherheit nur vorspielen.
—Ihr vollständiger Name bitte, damit ich den Fall aufnehmen kann.
—Dafne Solano —antwortete sie ohne Zögern.
Er notierte es und spürte wieder dieses seltsame Unbehagen, ein diffuses Gefühl, als würde etwas nicht ganz zusammenpassen. Aber es gab nichts Greifbares, woran er sich festhalten konnte.
Sie stand auf, bevor er sich verabschieden konnte.
—Ich lasse Ihnen die Unterlagen da. Ich warte auf Ihren Anruf, sobald Sie eine Einschätzung haben.
—Selbstverständlich.
Sie ging mit derselben Eleganz, mit der sie gekommen war. Er sah ihr nach, bis die Tür sich schloss, und blieb schweigend zurück. Er verstand nicht, warum er ständig an sie dachte. Nicht einmal, warum ihre Stimme sich ihm eingebrannt hatte. Und vor allem verstand er nicht, warum er das Gefühl hatte, dass sie ihm nicht alles erzählt hatte.
***
In jener Nacht lag seine Frau bereits schlafend im Bett. Er starrte an die Decke und fand keinen Schlaf. Seit Jahren arbeitete er in diesem Büro, hatte Dutzende von Mandantinnen betreut. Warum war diese Frau so hartnäckig in seinem Kopf geblieben?
Es war keine Anziehung, oder nicht genau. Noch nicht einmal Begierde. Es war etwas, das er nicht verstand. Eine Art latente Herausforderung, eine ungewöhnliche Ruhe. Er dachte an ihre millimetergenau sitzende Kleidung, an die exakte Art, wie sie die Beine übereinander geschlagen hatte, an ihre Hände. Und verstand nichts.
***
Drei Tage vergingen. Er rief sie an, um das nächste Treffen zu vereinbaren.
—Herr Bermúdez —sagte sie, als sie abhob—, ich danke Ihnen für den Anruf. Das ist zwar unüblich, aber mir ist etwas dazwischengekommen wegen der Arbeit. Wäre es Ihnen recht, wenn wir in meiner Wohnung sprechen? Ich habe alle Unterlagen dort, und wir könnten alles in Ruhe durchgehen.
Er zögerte einen Moment. Nur einen Moment.
—Kein Problem. Sagen Sie mir die Adresse.
Das Gebäude war modern, zurückhaltend, in einem erneuerten Viertel der Innenstadt. Er fuhr mit dem Aufzug bis in den sechsten Stock, Aktentasche in der Hand und das Herz etwas schneller als gewöhnlich.
Sie öffnete die Tür mit einem halben Lächeln und einem Glas in der Hand. Das Erste, was ihm auffiel, war der Geruch: ein blumiges Parfum gemischt mit Räucherwerk. Dann das Licht, das durch weiße Vorhänge gedämpft wurde. Und danach sie.
Dafne trug nun nicht mehr das Büro-Outfit. Sie hatte einen schwarzen, aus feinem Stoff gearbeiteten Jumpsuit an, dessen Wickelausschnitt bis an den Ansatz der Brust reichte, ohne BH. Der Stoff betonte ihre schmale Taille und ihre klar geformten Hüften. Sie war barfuß, die Nägel rot lackiert.
—Möchten Sie Wasser, Wein, Kaffee? —fragte sie und drehte sich mit derselben gemessenen Eleganz zur Küche um.
—Wasser, bitte.
—Nehmen Sie Platz. —Sie deutete auf ein breites graues Samtsofa. Viel zu bequem für ein schlichtes juristisches Gespräch.
Sie kam mit zwei Gläsern zurück und setzte sich neben ihn, nicht gegenüber. Sie schlug die Beine mit einer Sanftheit übereinander, die den Stoff des Jumpsuits über ihren Schenkeln spannte, und der Ausschnitt rutschte noch ein paar Zentimeter tiefer.
Sie begann vom Vertrag zu sprechen, vom neuen Eigentümer, von den rechtlichen Möglichkeiten. Aber er hörte schon nicht mehr richtig zu. Denn diesmal war es nicht nur ihre Präsenz, die ihn verwirrte. Es war das Verlangen.
Er beugte sich zur Mappe hinunter und fasste dabei den Hosenrand mit zwei Fingern an, damit er sich nicht verknitterte. Eine minimale, automatische Geste. Dann, als er das Dossier aufschlug, drehte er das Handgelenk mit einer Zartheit, fast mit unbeabsichtigter Koketterie. Dafne sah alles.
—Arbeiten Sie immer so elegant? —fragte sie und machte es sich bequemer. Das Überschlagen der Beine spannte den Ausschnitt noch mehr.
Er schob die Brille mit zwei Fingern zurecht, mit jener sanften Bewegung, die nur wenige Männer haben.
—Gewohnheit. Ich mag es, einen gewissen Stil zu bewahren.
—Sagen Sie das nicht, als wäre es etwas Schlechtes. Es gibt Menschen, denen Steifheit nicht steht. —Ihre Augen durchbohrten ihn—. Es gibt Arten, sich zu bewegen, die mehr sagen als tausend Worte.
Sie stand auf und ging zu einer kleinen Bar.
—Sind Sie sicher, dass Sie keinen Wein möchten? Ich habe einen leichten, fast fruchtigen. Nichts, was Ihnen im Hals unangenehm wäre.
Er wusste nicht, ob sie vom Wein sprach oder von etwas anderem.
—Gut. Ein Glas —gab er nach, und fühlte sich lächerlich, als ihm auffiel, wie seine Stimme ungewollt höher wurde.
Sie schenkte mit präzisen Bewegungen ein und kam mit dem Glas zwischen den Fingern zurück, den Rücken gerade. Als sie sich vorbeugte, um es ihm zu reichen, gab der Ausschnitt einen Blick auf die runde Wölbung einer Brust frei. Als er das Glas nahm, streiften sich ihre Finger, und ihn überlief ein Schauer. Er senkte den Blick auf diese Hände: groß, fest, perfekt gepflegt.
—Sie sind verheiratet, nicht wahr?
—Ja.
—Glücklich?
—Das ist keine Rechtsfrage —versuchte er ausweichend zu lächeln.
—Nein. Aber manchmal vermischt sich das Gesetz mit dem Leben —flüsterte sie—. Und das Leben hat unklarere Regeln.
Wein, Parfum, der Tonfall. Alles begann, ihn wie ein unsichtbares Netz zu umschlingen. Er wollte zurück ins Juristische, doch Dafne hatte ihn genau dort, wo sie ihn haben wollte. Nicht wegen dessen, was sie sagte, sondern wegen dessen, was sie preisgab.
Er beugte sich über die Unterlagen, um sich an etwas Konkretem festzuhalten. Und dann sah er es.
—Entschuldigung —er runzelte die Stirn und schob die Brille zurecht—. Wer ist Adrián Solano?
Sie antwortete nicht sofort. Sie lächelte nur langsam und lehnte sich mit jener Haltung zurück, die eine Frau einnimmt, die nicht länger um Erlaubnis bitten muss.
—Überrascht Sie das?
—Nun, eigentlich sind Sie doch die Mieterin.
—Bin ich auch. —Sie nahm einen langsamen Schluck und befeuchtete sich die Lippen—. Adrián Solano war mein Name früher. Bevor ich die wurde, die ich jetzt bin.
Das Schweigen verdichtete sich. Er blinzelte. Sein Körper begriff es früher als sein Kopf.
—Wie bitte?
Sie beugte sich zu ihm, und diesmal öffnete sich der Ausschnitt gerade weit genug, um mehr Haut zu zeigen.
—Ich bin Dafne. Aber früher war ich Adrián, jahrelang. Bis ich entschied, dass ich nicht länger so tun wollte, als wäre ich jemand, der ich nicht bin.
Er sah sie von oben bis unten an, als sähe er sie zum ersten Mal. Der schmale Hals, das markante Schlüsselbein, die volle, natürliche Brust, die glatte Haut. Und plötzlich erinnerte er sich an etwas: seinen eigenen Körper. Auch er hatte keine Körperbehaarung, weder im Gesicht noch auf der Brust noch an den Beinen. Aus Eitelkeit, aus Marotte, aus einer nie zugegebenen Weiblichkeit. Ihm schnürte es die Kehle zu.
—Ich bin nicht das, was Sie erwartet haben, oder?
—Nein —flüsterte er—. Aber ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe.
—Und macht dir das Angst oder macht es dich an?
Die Frage fiel wie ein heißer Tropfen mitten auf seine Brust. Er sah sie an, der Mund halb geöffnet, ohne Antwort. Er konnte sich nicht bewegen. Er wollte sich nicht bewegen.
Dafne kam noch etwas näher. Sie legte ihm eine Hand aufs Knie, nur eine leichte Berührung. Aber es reichte, damit er die Luft anhielt.
—Du bist der zarteste Mann, der jemals diese Wohnung betreten hat —flüsterte sie—. Und das, Liebling, gefällt mir unglaublich.
—Ich hatte noch nie persönlich mit einer trans Frau zu tun —gestand er schüchtern, wie jemand, der sich zum ersten Mal traut, etwas Verbotenes sein ganzes Leben lang anzusehen.
—Und, wie mache ich mich? —lächelte sie warm.
—Ich weiß es nicht. Das ist alles noch sehr neu für mich.
Sie stand ohne Eile auf, stellte das Glas auf den Tisch und beugte sich zu ihm hinunter.
—Dann lass mich dir helfen. Gib mir eine Minute. Beweg dich nicht.
Sie verschwand in einem Flur. Eine Tür schloss sich. Das Schweigen wurde schwer. Er versuchte aufzustehen, aber etwas hielt ihn dort. Etwas stärker als Pflicht, als Angst, als Logik. Es war der Körper. Sein eigener, der nicht fortgehen wollte.
Als Dafne zurückkam, tat sie es langsam. Sie hatte den Jumpsuit gegen eine leuchtend rote Spitzenwäsche getauscht, einen Body aus transparentem Stoff, der ihre Taille betonte, die feste Brust, und einen winzigen Tanga, der zwischen den Rundungen ihrer Hüften verschwand. Sie blieb vor ihm stehen und ließ ihn sie anschauen.
—Weißt du immer noch nicht, was du erwartet hast? —flüsterte sie.
Er schüttelte den Kopf, der Blick glitt über ihren ganzen Körper.
—Auch das ist Frau sein —sagte sie und legte die Hände an die Hüften—. Mit meinen Kurven, mit meinem Begehren, mit meiner Geschichte. Willst du anfassen?
—Du musst gar nichts tun —fügte sie hinzu und strich ihm mit zwei Fingern über den Hemdkragen—. Lass mich dir nur zeigen, was ich bin. Was du begehren könntest, auch wenn du es noch nicht weißt.
Und dann setzte sie sich sanft auf seine Beine, mit der Zartheit, die nur Frauen haben, die wissen, wer sie sind. Er schloss für einen Augenblick die Augen. Er spürte ihr Gewicht, ihre Wärme, ihren Geruch. Und wich nicht zurück. Als sie sich vorbeugte, streifte ihr Schoß leicht, aber absichtlich, den unteren Bereich seines Unterleibs. Es war nicht der weiche Druck eines weiblichen Körpers. Es war etwas Festes, Schweres, Unverkennbares. Er hielt die Luft an.
Sie sah ihn wortlos an, mit diesem Lächeln von jemandem, der alles schon vor dir weiß. Und ohne Eile richtete sie sich wieder auf.
—Willst du mir weiter bei dem Juristischen helfen, Herr Bermúdez?
Er nickte, ohne zu wissen, ob er Ja zur Anwältin sagte, zur Frau oder zu was auch immer eben Seele und Körper so berührt hatte wie noch nie zuvor.
—Dann erwarte ich dich am Freitag hier, zur gleichen Uhrzeit. Diesmal mit weniger Papieren.
Und ihr Blick senkte sich direkt auf die Beule in seiner Hose. Ohne Lachen. Ohne Urteil. Nur Macht.
***
In jener Nacht konnte er es nicht für sich behalten. Seine Frau Noelia las mit aufgesetzter Brille. Sie steckten in ihrer Routine, jeder auf seiner Seite, bis er den Satz fallen ließ wie einen Stein in einen See.
—Findest du es normal, dass ein Mann etwas mit einem anderen Mann begehren kann?
Sie markierte die Seite und senkte den E-Reader ruhig.
—Ich denke, viele Männer sind neugierig. Und sie sagen es nicht, sie gestehen es sich nicht ein, aber sie haben sie. Sexualität ist keine verschlossene Kiste. Manchmal will der Körper etwas, das der Verstand nicht versteht. Das macht dich nicht weniger zum Mann. Nur ehrlicher zu dir selbst.
—Und was würdest du denken, wenn ich etwas für eine Person empfunden hätte, die nicht genau eine Frau ist, oder es früher nicht war?
Sie drehte sich zu ihm um, ohne Alarm.
—Ist dir das passiert?
—Ich glaube schon. Aber ich verstehe es nicht. Ich habe es nicht gesucht. Alles war so weiblich. Aber darunter…
—Und das hat dich angemacht.
Er biss die Zähne zusammen. Er antwortete nicht. Sie kam näher und strich ihm über den Arm.
—Neugierig darauf zu sein, macht dich zu gar nichts, Liebling. Es macht dich menschlich. Du hast es gespürt, und das ist alles. Jetzt weißt du etwas mehr über dich. Vielleicht war dieser Teil von dir eingeschlafen. Oder vielleicht ist es gar kein Teil, sondern eine Tür. Und jemand hat sie geöffnet.
Er schwieg. Noelia sah ihn aufmerksamer an.
—Wie heißt sie?
—Dafne. Sie ist eine Klientin.
—Verstehe. —Sie fragte nicht weiter. Sie strich nur über seinen Arm—. Es stört mich nicht, dass du sie begehrt hast. Mich stört, dass du nicht weißt, was du willst. Denn das kann wirklich wehtun.
—Leg dich auf den Bauch —sagte sie dann mit jener ruhigen Stimme, die immer schien, als wäre sie einen Schritt voraus.
Er gehorchte ohne nachzudenken. Er lag mit dem Gesicht ins Kissen gedrückt, den Körper offen. Sie setzte sich auf ihn, rittlings auf seinem Hintern, schob ihm das Haar aus dem Nacken und beugte sich hinunter.
—Erzähl mir mehr von Dafne. Was hat sie in dir ausgelöst?
Sie begann ihn langsam zu streicheln, ließ die Nägel kaum über die Haut kratzen.
—Was war es? Der Körper, die Art zu sprechen oder das Wissen darum, was sie verbirgt?
—Es war alles. Ihre Stimme. Wie sie mich angesehen hat. Und als sie sich auf mich setzte, habe ich es gemerkt. Es war etwas Hartes, Großes. Aber sie blieb trotzdem so feminin.
—Und das hat dir gefallen?
—Ich weiß nicht —flüsterte er, gedemütigt und erregt zugleich.
Sie ließ die Hand tiefer gleiten und schloss seinen Schwanz von vorne ein.
—Du warst schon immer so diskret. Ich kritisiere das nicht, ich mag es sogar. Aber nach dem, was du mir von Dafne erzählt hast, nehme ich an, dass ihre Art nicht so schüchtern sein wird.
Er spannte sich an. Der Rest geschah in seiner Fantasie, und er begann zwischen ihren Fingern hart zu werden.
—Siehst du? Allein wenn du sie dir vorstellst, wirst du schon hart. Du warst immer empfindsamer, als du vorgibst. Du bist dafür gemacht, dass man dich anfasst, nicht dafür, dass du befehlen musst.
Dieser Satz traf ihn stärker als alles andere. Sie griff nach dem Gleitgel auf dem Nachttisch.
—Entspann dich. Atme. Ich kümmere mich um dich.
Ein Finger, nur die Fingerspitze, kreisender Druck. Er bäumte sich auf.
—Es ist seltsam.
—Natürlich ist es seltsam. Beim ersten Mal ist alles seltsam. Aber auch schön. —Der Finger drang ein wenig weiter ein, und er stieß einen Laut aus, der nicht nach ihm klang—. Siehst du? Dein Körper versteht es vor deinem Kopf.
Sie bewegte sich langsam und küsste ihm den Rücken.
—Stell dir vor, ich wäre nicht ich. Stell dir vor, es wäre Dafne, die dich so hat, offen, und dir zeigt, wie sich das anfühlt. Und du zitterst genauso wie jetzt.
Er krallte sich ins Laken. Sein Schwanz war längst völlig hart.
—Du bist nicht weniger Mann, nur weil du das begehren willst. Du bist nur ehrlicher. Und wenn du es irgendwann wirklich ausprobieren willst, bin ich bei dir. Nicht gegen dich.
Dieser Satz brach ihn auf. Er gab sich hin. Nicht wegen der Fantasie von Dafne, sondern wegen Noelias Stimme, die ihn hielt, annahm und ihn sanft zu dem schob, was er immer verborgen hatte.
***
Danach nahm Noelia ihn in den Arm, strich ihm durchs Haar, flüsterte ihm liebevolle Dinge zu, als hätte sie ihn nicht gerade völlig entwaffnet.
—Liebling, hast du Dafnes Nummer? Falls man ihr wegen des Falls etwas schicken muss.
Er zögerte, aber er war so verwundbar, so hingegeben, dass er nicht nachdachte. Er nahm das Handy und schickte sie ihr per Nachricht. Später, als er unter der Dusche war, schloss sie die Schlafzimmertür, legte sich nackt mit dem Telefon in der Hand hin und schrieb.
Hallo, Dafne. Wir kennen uns nicht, aber ich bin die Frau deines Anwalts. Und ich glaube, wir haben viel zu besprechen.
Die Antwort kam sofort.
Na so was, welch unerwartetes Vergnügen. Ich habe auf diese Nachricht gewartet, ohne es zu wissen. Sag mir, hat er dir etwas Interessantes erzählt?
Noelia lächelte gegen den Bildschirm.
Alles und nichts. Du weißt ja, wie sie sind: Scham, Schweigen, Verlangen. Aber keine Sorge. Ich trainiere ihn.
Trainieren wofür?
Dich zu empfangen. Damit er, wenn er dich sieht, nicht zu fliehen wagt. Oder noch schlimmer: es gar nicht mehr will.
Das gefällt mir. Ich denke schon seit Tagen an ihn, seit er auf meinem Sofa sprachlos war.
Sie sprachen lange an diesem Abend, zwei Frauen, die im Dunkeln einen Plan schmiedeten. Noelia erzählte die Wahrheit: dass er in ihrem Bett niemals das Sagen hatte, dass sie entschied, dass er immer derjenige gewesen war, der schaut, der ausweicht, der sich an dem erregt, was er nicht haben kann.
Und du? —schrieb Dafne schließlich—. Willst du mich auch?
Natürlich will ich das. Aber diesmal möchte ich, dass du für ihn da bist. Und wenn du mir danach etwas übrig lässt, nehme ich vielleicht auch noch etwas für mich.
Ich werde dich kommen lassen, Noelia. Aber zuerst bringe ich ihn zum Zittern. Ich will, dass ihm die Stimme wegbleibt, wenn er mich sieht. Und ich will, dass du ihn von deinem Platz aus ansiehst und verstehst, dass er nach alldem nie wieder etwas anderes begehren wird.
Ich werde ihn ansehen —schrieb Noelia, bereits atemlos unter der Decke—. Ich werde mich anfassen. Und ich werde kommen. Versprochen.
Er hörte das Wasser der Dusche verstummen. Sie löschte die Unterhaltung mit einer schnellen Bewegung und legte das Handy mit dem Display nach unten. Als er herauskam, in das Handtuch gewickelt, die Haut warm und den Blick noch immer abwesend, empfing sie ihn mit einem ruhigen Lächeln. Ein Lächeln, das er als Zärtlichkeit deutete.
Er hatte keine Möglichkeit zu ahnen, dass am nächsten Morgen, während er den Kaffee zubereitete, bereits zwei Frauen über ihn entschieden hatten. Und dass er am Freitag in dieser Wohnung mit weißen Vorhängen entdecken würde, wie weit dieses Begehren reichte, das ihm so schwerfiel zu benennen.