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Relatos Ardientes

Was ich in jener Nacht auf dem Hotelflur hörte

4.3(7)

Carmen arbeitete seit zwanzig Jahren in Hotels und hatte gelernt, den Typ Gast mit einem einzigen Blick zu erkennen. Den, der zwei Nächte buchte und bar zahlte. Den, der sich zwei zusätzliche Kissen geben ließ, wenn er allein reiste. Den, der eine Notiz mit dem Namen der Begleitung hinterließ, die später hochkommen würde.

In jener Nacht hatte der Gast in Zimmer 412 eine Notiz hinterlassen.

Es war fast Mitternacht, als auf dem Marmorboden der Empfangshalle die Absätze klackten. Carmen hörte sie, noch bevor sie den Blick hob: ein gleichmäßiges, trockenes Klopfen auf dem Stein, das die klimatisierte Stille der Lobby durchschnitt. Die Frau, die eintrat, war etwa fünfunddreißig, in einem roten Kleid, das sich genau dort anpasste, wo es sich anpassen musste, und dort endete, wo man es am wenigsten erwartete. Sie trug das schwarze Haar offen und kaute Kaugummi mit der Gleichgültigkeit von jemandem, der genau weiß, welche Wirkung er auslöst.

—Guten Abend —sagte Carmen und behielt ihren gewohnten neutralen Ton bei—. Wie kann ich Ihnen helfen?

—Ich komme zu Santiago Méndez. Zimmer vier zwölf.

Carmen prüfte den Bildschirm. Die Notiz des Gasts sagte exakt dasselbe: »Besuch erwartet. Unbeschränkter Zugang.« Sie glitt mit den Fingern über die Tastatur mit der Routine von jemandem, der diese Bewegung schon tausendmal gemacht hatte.

—Ich begleite Sie zum Aufzug —sagte sie.

—Wie freundlich —antwortete die Frau. In ihrer Stimme lag etwas, eine sehr leichte Schicht Ironie, sodass Carmen nicht recht wusste, wie sie das nehmen sollte.

Auf dem Weg durch den Flur gingen sie ein paar Sekunden schweigend nebeneinander her. Dann sprach die Frau:

—Ich heiße Valentina, falls Sie das fürs Register brauchen.

—Carmen —antwortete sie, fast ohne nachzudenken.

—Schöner Name. —Valentina sah sie von der Seite an—. Wie lange arbeiten Sie schon hier?

—In diesem Hotel fünf Jahre. In der Branche zwanzig.

Valentina stieß ein anerkennendes Geräusch aus, etwas zwischen Pfeifen und scharfem Einatmen.

—Zwanzig Jahre. Das ist eine lange Zeit, um ein braves Mädchen zu sein.

Carmen antwortete nicht. Die Aufzugtüren öffneten sich mit einem weichen »Pling«, das die Unterhaltung mitnahm.

Der Aufzug war klein. Klein genug, dass Valentinas Parfüm —etwas Warmes mit Vanillegrund und einer dunkleren Note, die Carmen nicht benennen konnte— den ganzen Raum erfüllte. Carmen blickte auf die leuchtenden Zahlen. Valentina blickte sie an.

—Hat es Sie nie gereizt? —fragte Valentina.

—Wozu?

—Zu wissen, was sich auf der anderen Seite der Türen abspielt. —Eine kurze Pause—. Nach zwanzig Jahren werden Sie sich doch etwas vorgestellt haben.

—Ein Teil der Arbeit ist, sich nichts vorzustellen —sagte Carmen.

Valentina lachte kurz auf. Echt, ohne Ironie.

—Natürlich.

Sie erreichten den vierten Stock. Carmen deutete nach rechts in den Flur und blieb auf halber Strecke stehen, während Valentina weiter zu 412 ging. Die Tür öffnete sich, bevor sie klopfte. Der Mann, der erschien, war etwa fünfzig: kräftige Statur, graues Haar an den Schläfen, ein dunkelblauer Bademantel, der ihm gut stand. Er trat einen Schritt zurück, um sie hereinzulassen, ohne ein Wort zu sagen, aber bevor er die Tür schloss, sah er in Carmens Richtung.

—Könnten Sie bitte eine Flasche Sekt hochbringen. Irgendwas von der Bar.

—Sofort —antwortete Carmen.

Die Tür schloss sich.

***

Es dauerte länger, als es hätte dauern sollen. Erstens, weil Hernán, der Kellner im Dienst, auf der dritten Etage noch eine Bestellung offen hatte und nicht warten konnte. Dann, weil der Weinkeller ganz hinten im Servicegang lag und Carmen ihn selbst suchen musste. Als sie mit dem silbernen Eiseimer und dem Sekt wieder im vierten Stock ankam, waren fast fünfzehn Minuten vergangen.

Der Flur war leer. Das gelbe Licht flackerte leicht am Ende. Carmen ging mit langsamen Schritten, die verbleibende Distanz abmessend.

Es war, bevor sie die Tür erreichte, dass sie das erste Geräusch hörte.

Es war kein Schrei. Es war etwas Tieferes, Gleichmäßigeres: ein Stöhnen, das durch das Holz drang mit derselben Leichtigkeit, mit der Valentinas Parfüm vorhin den Aufzug gefüllt hatte. Carmen blieb stehen. Wartete. Das Geräusch riss nicht ab.

Du musst klopfen, die Flasche abgeben und wieder zur Rezeption zurück.

Ihre Füße bewegten sich nicht weiter.

Was von der anderen Seite kam, war kein undeutliches Raunen. Es war klar. Das schwere Atmen von Santiago, Valentinas abgehacktes Stöhnen, das rhythmische Knarren der Matratze, das einen Takt vorgab, den Carmen erkannte, ohne ihn erkennen zu wollen. Sie schloss kurz die Augen. Die Kälte des Eimers drang durch ihre Handflächen hindurch.

Valentinas Stimme drang klar von drinnen herüber:

—So ... steck ihn mir so rein, am Anfang langsam. Ganz rein, Papi, ich will dich bis ganz tief spüren.

Und dann Santiagos langes, heiseres Grunzen, das aussagekräftiger war als jede Antwort.

—Verdammt, was für eine enge Muschi du hast —keuchte er—. Du bist triefend nass.

—Deine Schuld, fick mich hart, halt dich nicht zurück.

Carmen spürte, wie ihr die Hitze den Nacken hinaufstieg. Sie trug ihre übliche Uniform —weiß gestärkte Bluse, schwarzer Bleistiftrock, schmale Krawatte— und auf einmal schien ihr alles zwei Nummern enger zu sitzen. Sie legte das Ohr an das Holz, ohne sich völlig bewusst zu sein, dass sie es beschlossen hatte.

Die Geräusche wurden intensiver. Valentina hatte aufgehört zu sprechen und gab nur noch dieses fortlaufende Murmeln von sich, scharf in den Spitzen und dumpf in den Abwärtsbewegungen, das Carmen mit einer Aufmerksamkeit hörte, die in keiner Weise beruflich war. Der Rhythmus der Matratze änderte sich. Schneller. Schwerer. Sie konnte sich die Szene mit einer Präzision vorstellen, die sie erschreckte: Valentina auf dem Rücken, die Beine gespreizt, das rote Kleid zu einem Knäuel auf dem Boden, und Santiago darüber, wie sein Schwanz in diese Muschi hinein- und wieder hinausging, die sie selbst eben noch als eng bezeichnet hatte.

Sie stellte den Eimer auf dem kleinen Ablagetisch neben der Tür ab. Das Klirren des Eises beim Verrutschen war das einzige Geräusch auf ihrer Seite des Flurs.

Drinnen wechselte Valentina die Position. Carmen schloss das aus der Pause, aus dem Knarren der Laken und dann aus der Rückkehr des Stöhnens in einem anderen Ton, tiefer und dringlicher als zuvor.

—Dreh mich auf vier —sagte Valentina mit dieser heiseren Stimme, die Frauen haben, wenn sie nichts mehr vorspielen—. Zieh mich am Haar. So. Schau, wie ich mich dir öffne.

—Du dreckige Schlampe —knurrte Santiago—. Schau, wie du ihn dir ganz reinsaugst.

Und dann das Schlagen, dieses unverkennbare Geräusch, wenn das Becken eines Mannes gegen den Hintern einer Frau stößt, trocken, wiederholt, immer schneller. Carmen hörte auch die Ohrfeige, die offene Hand auf einer Pobacke, und Valentinas kurzes Quietschen, gefolgt von einem »Noch eins, komm, noch eins!«, das Carmen durch die Brust ging.

Ihre Hände bewegten sich von selbst. Zuerst zu den oberen Knöpfen der Bluse, die sie einen nach dem anderen öffnete. Die Luft des Flurs auf ihrer Brust kam wie eine kleine Überraschung. Dann an die Krawatte, die sie lockerte, ohne sie ganz abzunehmen. Sie dachte bei keiner dieser Bewegungen nach, während sie sie ausführte. Sie schob die Finger unter den BH und drückte ihre linke, bereits harte Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein Schlag durchzuckte sie direkt bis in den Unterleib.

Aus dem Zimmer drangen Valentinas Laute wieder lauter hervor, direkter, dringlicher. Carmen erkannte in diesem Rhythmus eine Absicht, die sie überraschte: Diese Frau wusste genau, welche Laute sie wann zu machen hatte, und tat es mit einer Präzision, die nicht gespielt, sondern erarbeitet war, was etwas anderes und in gewisser Weise noch eindrucksvoller war.

—Nimm ihn mir raus —befahl Valentina plötzlich, gedämpft—. Nimm ihn raus und steck ihn mir in den Mund, ich will ihn dir blasen.

Das Rascheln von Laken. Ein kurzes, tiefes Lachen von Santiago. Dann die kurze Stille vor dem Obszönen, und gleich darauf das nasse, schlampige Geräusch eines Mundes, der einen Schwanz bis tief in den Rachen nahm. Valentina machte absichtlich Lärm, den Hals weit geöffnet, der Speichel lief ihr heraus. Man hörte alles: das schwere Schlingen, das abgehackte Atmen, das Geräusch ihres eigenen Speichels, der ihr auf die Brüste tropfte.

—So, genau so, schluck ihn ganz —keuchte Santiago—. Tief. Deine dreckige Fresse.

Valentina löste sich einen Augenblick, die Stimme rau:

—Gefällt es dir, wenn ich ihn dir mit nackten Titten blase?

—Mir gefällt alles, halt die Klappe und mach weiter.

Wenn jetzt jemand aus dem Aufzug kommt.

Der Flur blieb leer. Die einzige Überwachungskamera im vierten Stock war auf den Aufzug gerichtet, nicht auf die Zimmer. Carmen wusste das, weil sie das Hotel besser kannte als jeder andere.

Sie lehnte sich gegen die Tür. Das kalte Holz an ihrem Rücken und ihre eigene Hitze bildeten einen Kontrast, der sie verankerte. Sie hörte ihr Atmen vermischt mit ihrem eigenen, und es gab keine Möglichkeit mehr, eine Grenze zwischen drinnen und draußen zu ziehen.

Ihre Finger fanden den Saum ihres Rocks. Sie hob ihn langsam an und spürte das Streifen des Stoffes an den Schenkeln. Sie führte eine Hand nach innen, unter die Kleidung, mit einer Entschlossenheit, die das Gegenteil von Zögern war. Als die Finger den Stoff ihres Slips berührten, fand sie ihn so nass, dass sie über die eigene Feuchtigkeit erschrak. Sie schob ihn zur Seite und berührte ihre Muschi direkt, geschwollen, glitschig, im Takt des Pulses, der in ihren Schläfen pochte.

Die Hitze, auf die sie stieß, war unverhältnismäßig für jemanden, der nur zugehört hatte. Oder vielleicht nicht. Vielleicht waren fünfzehn Minuten dieses Geräuschs mehr als genug für jeden Menschen, ganz gleich, wie viele Jahre er schon verantwortungsvoll, korrekt und pünktlich gewesen war.

Sie biss sich auf die Lippe, um keinen Laut von sich zu geben. Sie glitt mit zwei Fingern zwischen die äußeren Schamlippen, benetzte sie gründlich mit ihrer eigenen Feuchtigkeit und begann, ihren Kitzler mit langsamen, engen, exakten Kreisen zu reiben, als hätte sie auch darin zwanzig Jahre Übung.

Drinnen änderte sich etwas. Das Geräusch des Blowjobs brach abrupt ab, es gab ein sanftes Gerangel, und dann erneut Valentinas Stimme, jetzt wieder unter dem Körper des Mannes:

—Fick mich, komm, halt dich nicht mehr zurück. Spreng mir die Muschi.

—So willst du’s? —Santiagos Stimme war pures Becken, pures Atmen.

—Härter. Mehr. Mehr.

Das Bett begann im brutalen Rhythmus gegen die Wand zu schlagen. Carmen hörte jeden Stoß, als ginge er durch sie hindurch. Die Matratze knarrte, das Holz des Kopfteils schlug gegen die Wand, und mitten darin stöhnte Valentina auf eine Weise, die keine Spur von theatralischem Spaß mehr hatte: Es waren kurze, schrille Schreie, unterbrochen von jedem Hüftstoß. Santiago knurrte wie ein Tier über ihr, und immer wieder ließ er ein »Schlampe, Schlampe, Schlampe« in ihr Ohr fahren, das glasklar bis in den Flur drang.

Carmen beschleunigte die Finger auf ihrem Kitzler. Mit der anderen Hand schob sie zwei Finger in sich hinein und begann im gleichen Takt zu pumpen wie das Bett auf der anderen Seite. Sie drückte ihre eigene Hand mit den Hüften, gegen die Tür gebogen, die Bluse offen und eine Brust aus dem BH hervorgetreten. Nie in zwanzig Jahren gestärkter Uniform war sie so gewesen, so bloßgestellt und durchnässt, in einem Flur im vierten Stock, den Nacken gegen das Holz eines Gasts gelehnt.

Drinnen stieß Valentina einen kurzen, schrillen Schrei aus, der die Luft wie ein Splitter durchschnitt. Das Bett antwortete mit einem langen Knarren. Santiago brummte etwas, das nicht als Worte ankam, aber eine unverwechselbare Form hatte.

—Ich komm, ich komm, ich komm —wiederholte Valentina immer schneller—. Ja, ja, genau da, nicht aufhören, nicht aufhören.

Carmen schob die Finger tiefer hinein und presste die Stirn gegen das kalte Holz der Tür. Der Rhythmus drinnen wurde schneller. Carmen folgte ihm, ohne dass jemand sie dazu aufgefordert hätte, und passte ihre Hand diesem Takt an, der gleichzeitig fremd und ihr eigen war. Sie atmete durch den Mund, langsam, und erstickte jedes Ausatmen, bevor es im leeren Flur hörbar werden konnte.

Valentinas Stöhnen stieg und stieg, bis es in einem langen Aufschrei brach, den Carmen im Bauch spürte. Santiago antwortete mit diesem dumpfen Knurren, das Carmen schon gelernt hatte vorauszusehen. Das Bett knarrte ununterbrochen. Erst an diesem Punkt, als der Rhythmus mechanisch und schnell wurde und das Geräusch der aufeinanderprallenden Körper mit voller Klarheit durch die Tür drang, spürte Carmen den Knoten sich in ihrem Unterleib zusammenziehen.

—Nicht drin —keuchte Valentina am Rand—. Auf die Titten, komm, spritz auf die Titten.

Einen Augenblick später das kurze, tiefe Brüllen von Santiago, das letzte Knarren der Matratze und das nasse, unverkennbare Geräusch eines Schusses, der auf Haut fiel. Valentina lachte heiser, zufrieden, mit verbrauchter Stimme:

—So schön, Papi. Alles für mich.

Zwanzig Jahre, in denen sie alles richtig gemacht hatte.

Der Gedanke tauchte auf und verschwand wieder. Was blieb, war das aufsummierte Gefühl der letzten Minuten: Valentinas Stöhnen, das ihr weiter in den Ohren nachhallte, Santiagos immer abgehackter werdendes Atmen und die konzentrierte Hitze unter ihren eigenen Händen, die zu viel wurde, um sie noch zu halten.

Sie biss sich in die linke Handfläche, als der Krampf kam. Eine unbeholfene, letzte Geste, die das dämpfte, was sonst im leeren Flur viel zu hörbar gewesen wäre. Der Orgasmus riss sie lautlos durch, gegen die Tür gepresst, mit der Stirn am Holz, den Fingern bis zu den Knöcheln in ihrer Muschi vergraben und dem heißen Fluss, der ihr bis zum Handgelenk lief. Die Schenkel zogen sich zusammen, der Bauch, der Hals. Es dauerte länger, als sie je für möglich gehalten hätte, drei oder vier aufeinanderfolgende Wellen, die sie mit weichen Knien und wachsamem Ohr für das, was auf der anderen Seite geschah, zurückließen.

Die letzten keuchenden Atemzüge von Valentina aus dem Zimmer waren das letzte Geräusch, das sie klar hörte. Danach nur noch langsames Atmen. Das Knarren der Matratze beim Sich-Einrichten. Die schwere Stille, die Körper hinterlassen, wenn sie fertig sind.

Carmen brauchte eine volle Minute, um sich zu bewegen.

***

Sie zog die Finger vorsichtig aus ihrer Muschi, wischte sie an der Innenseite des Rocks ab, bevor sie ihn herunterzog. Sie knöpfte die Bluse mit einer Ruhe zu, die sie nicht fühlte. Sie richtete die Krawatte. Sie ordnete den BH, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sie nahm den Eiseimer vom Ablagetisch und hielt ihn wie immer mit beiden Händen, als hätte sich in den letzten zwanzig Minuten nichts verändert. Das Eis war weniger geworden, kühlte aber noch immer.

Sie klopfte zweimal.

Santiago öffnete die Tür im Bademantel, mit dem entspannten Gesichtsausdruck von jemandem, der gerade etwas Angenehmes hinter sich gebracht hat. Er nahm den Eimer ohne großes Zeremoniell entgegen. Dahinter, im Halbdunkel des Zimmers, sah Carmen noch, wie Valentina quer auf dem Bett lag, nackt, die Brüste noch mit Sperma verschmiert, und ihr den Blick unverhüllt zurückgab.

—Danke —sagte Santiago—. Hat etwas gedauert.

—Entschuldigen Sie. Der Kellner war beschäftigt.

—Kein Problem. —Er ging wieder hinein, ohne auf eine Antwort zu warten.

Die Tür schloss sich. Carmen ging mit gleichmäßigen, methodischen Schritten zum Aufzug und maß das Gewicht eines jeden einzelnen.

***

Valentina erschien vierzig Minuten später in der Lobby. Sie ging mit derselben Lässigkeit wie bei ihrer Ankunft, aber langsamer, mit dieser besonderen Ruhe von jemandem, der gute Arbeit geleistet hat. Sie blieb ohne Einladung vor dem Tresen stehen.

—Die Nacht war gut —sagte sie, als würde sie ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnehmen—. Und Ihre?

Carmen hob den Blick.

—Ruhig —antwortete sie.

Valentina sah sie noch einen Augenblick länger an als nötig. Sie hatte die Gewohnheit, den Blick nicht abzuwenden, wenn sie im Gesicht des anderen nach etwas suchte. Dann zog sie eine Karte aus ihrer Tasche und legte sie mit einem leichten Klacken auf den Marmortresen.

—Falls Sie irgendwann etwas anderes wollen als die Hotelformulare.

Carmen blickte auf die Karte. Sie nahm sie noch nicht.

—Ich bediene auch Frauen —fügte Valentina hinzu—. Falls das im Aufzug nicht schon klar war. Und damit Sie’s wissen: Ich nehme dasselbe, aber bei Ihnen gäbe es einen Rabatt.

Carmen spürte die Hitze wieder aufsteigen, diesmal sanfter, langsamer.

—Danke —murmelte sie.

—Bitte. —Valentina deutete mit dem Kinn auf die Karte—. Übrigens: Wenn Sie das nächste Mal den Champagner bringen, klopfen Sie sofort. Lassen Sie das Eis nicht warten. —Sie beugte sich leicht über den Tresen, senkte die Stimme—. Und wenn Sie besser hören wollen, lassen Sie sich danach die Zimmerreinigung zuteilen. Die Laken erzählen die ganze Geschichte.

Carmen antwortete nicht. Sie konnte nicht.

Valentina drehte sich schon zum Ausgang, die Absätze im gleichen alten Rhythmus auf dem Marmorboden der Lobby.

Klack. Klack. Klack.

Carmen wartete, bis die Drehtüren sie verschluckten. Dann senkte sie den Blick auf die Karte. Sie nahm sie mit zwei Fingern und steckte sie in die Innentasche ihres Blazers, dicht an die Brust, genau dorthin, wo ihre verhärtete Brustwarze noch immer unter dem Stoff pochte.

Drei Stunden blieben noch bis zum Ende der Schicht. Die Lobby kehrte zu ihrer gewohnten Stille zurück: das Summen der Klimaanlage, das Ticken der Wanduhr, das ferne Geräusch der Straße. Aber etwas in dieser Stille hatte sich verändert, oder vielleicht war es Carmen, die sich verändert hatte, und es war jetzt zu spät zu wissen, was von beidem zuerst geschehen war.

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